Praxis für Hypnosetherapie und Hypnobirthing Angela Blumberger Diplom-Psychologin

logo punktDiagnosen - Nein, danke!




Diagnosen sind Schubladen, in denen man es sich bequem machen kann. Wenn Ihnen die Schub­lade zu eng wird oder Ihnen ver­ständ­licher­weise nicht behagt, öffnen Sie sie durch einen einzigen Klick...

Kurz: Jeder Mensch ist verschieden. Jede Erkran­kung hat ihre eigene, indivi­duelle Ge­schich­te. Darum kann ein und dieselbe Diag­nose niemals für 10, 100 oder 1.000 Men­schen gelten. Jedes leben­dige System, also auch der Mensch, ist verän­derbar und orga­nisiert sich selbst immer wieder neu.

Ausführlich: Als die Ame­rican Psychi­atric Asso­ciation im Mai 2008 die Namen der Auto­ren der Neu­auf­lage des DSM-IV (Diag­nostic and Statis­tical Manual of Mental Disor­ders, Bd. 4), die amerika­nische Version der deut­schen klinisch-diagnos­tischen Leit­linien „Interna­tionale Klassifi­kation psychi­scher Stö­rungen ICD-10 Kapitel V (F)“ bekannt gab, wurde deutlich, dass mehr als die Hälfte der Auto­ren ebenfalls als Redner und Gut­achter für Pharma­firmen unter­wegs waren und teil­weise auch Studien für Firmen durch­führ­ten. So bezog z.B. der Leit­autor des DSM-IV drei­zehn zusätz­liche Gehäl­ter aus der Pharma­industrie. Von ‚Disease Monge­ring’, also der ‚Krank­heits­erfin­dung’, war die Rede.

Ich hatte den Artikel im Deut­schen Ärzte­blatt zwar gelesen – doch manch­mal scheint Ame­rika weit weg zu sein... Als ich dann im Oktober 2008 auf dem Deut­schen Schmerz­kon­gress war, hatte ich das Gefühl, auf einer großen Pharma­messe zu sein. In der Mitte laut, bunt und schrill die Big Pharma­indus­trie, die mit kleinen Geschen­ken, kosten­losen Geträn­ken und Snacks und verein­zelt mit wenig beklei­deten jungen Frauen warben, und außen herum, in den über­füllten, kleinen Räu­men, die sog. „Miet­mäuler“ (alles renom­mierte Ärzte), die über Krank­heiten refe­rierten und gleich das pas­sende Medi­kament anprie­sen – natür­lich unter den streng überwa­chenden Augen und Ohren des jewei­ligen Pharma­konzerns. Die Inte­ressens­konflikte müssen in Deutsch­land noch nicht ange­geben werden. Als ich dann noch von dem Skan­dal hörte, dass ein bekann­ter dt. Facharzt auch noch über angeb­liche Stu­dien berich­tete (und Medika­mente anpries), die nie durch­geführt wurden, sondern frei erfun­den waren, auf die sich aber wiede­rum viele Medi­ziner berie­fen, wuchs mein Bedürf­nis, kriti­sche Vor­träge zur Gesund­heits­politik zu halten (s. Vorträge Archiv).

Ganz zu Schweigen von der Alltags­rea­lität in Kliniken, in denen ein und der­selbe Patient vers­chie­dene Diag­nosen erhält – je nach Blick­winkel oder Vor­liebe des Behand­lers – aber anhand derer sie sich wiede­rum mit der Verord­nung von Medika­menten orien­tieren. Jeder Behand­ler, der mit der Kranken­kasse abrech­nen will, muss aber eine Diag­nose stellen, nur, dass aus den Augen der „Gesund­heits­kassen“ nicht alle Diagnosen aus dem ICD-10 V behand­lungs­rele­vant sind. Mit ande­ren Worten, wird die Klinik/der Behandler u.U. darauf hinge­wiesen und aufge­fordert, die Diag­nose zu ändern, da sonst die Kosten für die Behand­lung nicht über­nommen werden würden. So stand einmal mein ehemaliger Chefarzt in meinem Behandlungszimmer, und bat mich, doch eher aus der Kategorie F3. ("Affektive Störungen") eine Diagnose zu wählen, als aus F4. (Neurotische-, Belastungs- und somatoforme Störungen) weil die Krankenkasse sonst nicht zahlen würde (soweit zum Depres­sions-Boom). So war ich gezwungen, aus dem Klienten einen Patienten zu machen, also kranker als er war.